
London zu Silvester — Königswetter, Mamma Mia und ein Jahreswechsel, den wir so nicht geplant hatten
Fünf Tage London über den Jahreswechsel: Big Bus, Afternoon Tea im Café Royal, Mamma Mia! The Party — und was wirklich passiert, wenn man um Mitternacht in London noch einen guten Feuerwerk-Spot sucht.
Carina hatte sich etwas gedacht. Eine Überraschungsreise nach London über Silvester — fünf Nächte, alles vorab geplant und gebucht, ohne dass ich irgendetwas davon wusste. Wir sind am 29. Dezember von Hamburg nach London Stansted geflogen und am 3. Januar wieder zurück.
London. Über Silvester. Mit dem Highlight am 31. Dezember — aber dazu später.
Ankunft und die erste Lektion
Abends ankommen, Hunger haben, und glauben, ein Lieferservice wäre die schnellste Lösung. Das war unser erster Fehler.
Das Essen war wirklich schlecht. Nicht ein bisschen daneben — vollständig ungenießbar, maximal überteuert und die Hälfte am Ende im Mülleimer. Was man London zugute halten kann: Es wurde besser. Deutlich besser.
Das Hotel — Motel One London Tower Hill
Carinas Wahl, und eine kluge dazu. Wer Motel One kennt, weiß, was er bekommt: keine Überraschungen, solider Standard, alles funktional und sauber. Was das Motel One Tower Hill auszeichnet, ist weniger das Hotel selbst als die Lage — Tower Bridge ist fußläufig, die U-Bahn-Anbindung ausgezeichnet. In London ist das ein echter Vorteil, wenn man die Stadt intensiv erkunden will.
Das Frühstück: kein klassisches englisches. Keine Beans, kein Bacon — Aufschnitt und Brötchen, touristenkompatibel, ordentlich. Wer das Full English möchte, muss das Haus verlassen.
Die Oyster Card — Carinas Vorarbeit
Carina hatte vorab eine Oyster Card besorgt und aufgeladen — genug für fast den gesamten Aufenthalt. Das klingt nach einer Kleinigkeit, ist in London aber Gold wert. U-Bahn, Bus, Overground — alles läuft darüber, und mit ausreichend Guthaben kommt man an fast jeden Punkt der Stadt, ohne an jeder Station nachdenken oder nachzahlen zu müssen.
Vorab online bestellen
Was viele nicht wissen: Man muss die Oyster Card nicht erst am Flughafen kaufen. Die sogenannte Visitor Oyster Card lässt sich direkt beim offiziellen TfL Visitor Shop online bestellen — sie wird dann nach Hause geliefert und man kommt bereits mit Guthaben in London an. Kein Anstehen, kein Suchen nach dem richtigen Automaten nach einem langen Flug.
Wie die Abrechnung funktioniert
Das Prinzip ist einfach: Beim Einsteigen Karte an den gelben Leser halten, beim Aussteigen erneut. Der Fahrpreis wird automatisch vom Guthaben abgezogen. Was die Oyster Card aber besonders praktisch macht, ist der Daily Cap — eine Tagesdeckelung. Für die Zonen 1 und 2 (also das gesamte Zentrum Londons) liegt dieser aktuell bei £8,90 pro Tag. Das bedeutet: Egal wie viele Fahrten man macht, mehr als dieser Betrag wird an einem Tag nicht abgebucht. Ab dem dritten Mal U-Bahn fahren rechnet sich die Karte also von selbst.
Was passiert, wenn das Guthaben leer ist
Wer im Bus mit einem Guthaben von null antritt, darf noch eine letzte Fahrt machen — der negative Betrag wird beim nächsten Aufladen verrechnet. In der U-Bahn funktioniert das nicht: Dort braucht man ausreichend Guthaben, um die Schranken zu passieren. Wer das Guthaben zu knapp auflegt, steht im ungünstigsten Moment vor einer geschlossenen Schranke.
Was man nach der Reise mit der Karte macht
Die Oyster Card verfällt nicht. Wer sie aufhebt, kann beim nächsten London-Besuch einfach weitermachen — Guthaben aufladen, losfahren. Das lohnt sich, wenn man London öfter besucht.
Wer das restliche Guthaben lieber zurück haben möchte: Bis zu £10 lässt sich direkt an Ticket-Automaten in U-Bahn-Stationen erstatten — Karte auf den Leser legen, „Oyster refund" wählen, Bargeld kommt raus. Über £10 muss man die Erstattung telefonisch oder online bei TfL beantragen. Von Deutschland aus geht das über die TfL-Kundenhotline. Die £7 Kartengebühr für Visitor Oyster Cards, die ab September 2022 gekauft wurden, ist dabei nicht erstattungsfähig — nur das aufgeladene Fahrtguthaben.
Tag 1 — Tower Bridge, Big Bus und Afternoon Tea
Klarer, blauer Himmel. Sonne über London, Ende Dezember. Was alle sagen: London ist grau und verregnet. Was wir hatten: fünf Tage mit strahlendem Sonnenschein. Untypisch, sagten uns mehrere Leute. Wir haben es einfach mitgenommen.
Tower Bridge
Der erste Stopp — naheliegend, weil das Hotel in Sichtweite liegt. Tower Bridge ist genau das, was man erwartet: iconic, beeindruckend, und trotzdem steht man davor und versteht, warum alle ein Foto machen. Man kennt sie aus unzähligen Filmen, aber an Ort und Stelle ist es nochmal etwas anderes.
Big Bus Tours — London vom Oberdeck
Carina hatte für einen Tag eine Tour mit Big Bus Tours gebucht — das Hop-on-Hop-off-Prinzip: ein Ticket, beliebig oft ein- und aussteigen, verschiedene Routen durch die Stadt, offenes Oberdeck bei gutem Wetter. Es gibt mehrere Anbieter in London, wir sind mit Big Bus gefahren. Wie groß die Unterschiede zwischen den Anbietern wirklich sind, lässt sich schwer beurteilen — aber das Konzept lohnt sich, besonders für einen ersten Besuch und wenn man in kurzer Zeit viele Orte sehen möchte.
Die Busse fahren unter anderem vorbei an:
- Tower of London und Tower Bridge
- St Paul's Cathedral
- Tate Modern und Millennium Bridge
- Shakespeare's Globe Theatre
- Trafalgar Square und Whitehall
- Buckingham Palace
- Hyde Park und Marble Arch
- Piccadilly Circus und Regent Street
- Covent Garden
- Houses of Parliament und Westminster Bridge


Buckingham Palace und die King's Guard
Am Buckingham Palace haben wir eine Weile verweilt — nicht nur wegen des Gebäudes, sondern wegen der King's Guard Sentry Patrol. Zu bestimmten Zeiten läuft die Wache ab, sehr formell, sehr britisch, sehr theatralisch. Mit Sonnenlicht und blauem Himmel wirkte das nochmal etwas pompöser als ohnehin schon.

Danach sind wir durch die Innenstadt gelaufen — Piccadilly Circus, durch die Shops, durch die vollen Straßen. London ist unglaublich voll. Man kann kaum unterscheiden, ob man sich unter Touristen oder Einheimischen bewegt. Was auffällt als Erstbesucher: Gefühlt wird jede Gastro von Indern geführt — das hat mich tatsächlich überrascht, macht die Stadt gleichzeitig aber sehr kosmopolitisch. Und trotzdem: Man hat sofort Sherlock-Holmes-Vibes, weil man die Stadt schon zu kennen glaubt. Nur aus Filmen. Aber genau das hat etwas sehr Besonderes.
Afternoon Tea im Hotel Café Royal
Das war Carinas Idee. Und eine sehr gute.
Das Hotel Café Royal liegt direkt an der Regent Street, wenige Schritte vom Piccadilly Circus entfernt — 68 Regent Street, London W1B 4DY. Der Traditional Afternoon Tea wird täglich von 12:00 bis 17:30 Uhr im Café Royal Grill serviert: ein denkmalgeschützter Raum mit vergoldeten Wänden, Spiegeln, kunstvoller Decke und Live-Piano-Atmosphäre. Oscar Wilde war Stammgast. Der Raum sieht aus, als ob das stimmt.

Was man pro Person bekommt:
- Amuse-Bouche — zum Beispiel Smoked Salmon mit Chive Crème Fraîche und Keta Caviar
- Herzhafte Sandwiches — Gurke mit Cream Cheese, Cacklebean Egg mit Mayonnaise, Smoked Trout mit Horseradish, Poached Chicken mit Tarragon Mayonnaise
- Scones — klassisch mit Preserves und Clotted Cream
- Patisserie — Rhubarb Yoghurt Mousse, Strawberry Tart, Chocolate Brownie mit Pecan Praline, Raspberry Choux
- Teeauswahl — Silver Needle, Japanese Sencha, Café Royal 1865 Breakfast Blend, Earl Grey, Lemon & Ginger und mehr



Das ist übrigens Carina — ist sie nicht wunderschön?
Preis: £85 pro Person, £170 für zwei — umgerechnet rund €200, ohne Service Charge.
Ist das viel? Ja. Ist es das wert? Wenn man Afternoon Tea einmal so erleben möchte, wie er gedacht war — in einem Raum, in dem die Atmosphäre zum Erlebnis gehört — dann ja. Das ist kein Pflichtprogramm für Touristen, sondern eine bewusste Entscheidung, zwei Stunden lang etwas Besonderes zu tun. Das funktioniert hier sehr gut.
Den Abend haben wir dann schlendernd durch die Innenstadt ausklingen lassen.
Tag 2 — Silvester
Bei 24h- und 48h-Tickets von Big Bus Tours ist eine einmalige River Cruise mit City Cruises inklusive — eine One-Way-Fahrt auf der Themse, die man über das Big Bus Portal vorab als separates Ticket herunterladen und am Pier validieren lassen muss. Wir sind an der Tower Millennium Pier eingestiegen — Richtung Westminster Pier, die Themse entlang. Was der Bus nicht zeigt, zeigt das Boot: die Skyline auf einem Blick, alles auf einmal vom Wasser aus. Sehr empfehlenswert als Perspektivwechsel.
Danach: ruhiger Tag durch die Innenstadt, kein großes Programm, eher Getränke und Essen, die uns angelächelt haben — der Abend sollte das Highlight werden.
Mamma Mia! The Party
MAMMA MIA! The Party ist eine Dinner-Show in Nikos' Taverna, einer griechischen Kulisse in The O2, North Greenwich (U-Bahn: North Greenwich, Jubilee Line) — kreiert von ABBA-Gründer Björn Ulvaeus, die Londoner Fassung adaptiert von Sandi Toksvig. Man sitzt an Tischen, bekommt einen Welcome Drink, ein viergängiges griechisches Menü und erlebt dazwischen die Geschichte rund um die Taverne: Liebe, Drama, Humor, ABBA-Songs. Die Darsteller kommen an die Tische, der Abend endet mit einem Disco-Teil.



Die Dekoration war aufwendig, die Location schön inszeniert, das Essen wirklich lecker. Wir hatten unseren eigenen Bereich, was nicht selbstverständlich ist — vorab kann es sein, dass man mit anderen Gästen zusammengesetzt wird.
Meine ehrliche Einschätzung: Ich liebe Musicals — aber ABBA ist nicht meine Welt. Und das macht einen Unterschied. Die Show ist gut gemacht, die Atmosphäre nett, das Konzept originell. Aber wenn die Songs einen nicht mitreißen, bleibt am Ende ein freundlicher Abend, kein unvergesslicher. Das Essen hat mich mehr begeistert als die Musik.
Das Timing an Silvester: Um 22 Uhr war der Abend offiziell vorbei. Wer den Countdown drinnen erleben will, bleibt für den Disco-Teil. Wer das Feuerwerk sehen will, verlässt The O2 um 22 Uhr — und steht dann in einer überfüllten Stadt ohne Plan. Das sollte man vorher wissen und eine Entscheidung treffen.
Wir haben das Zweite versucht.
Silvester in London — eine ehrliche Einschätzung
London an Silvester ist kein normaler Abend. Die Stadt ist im Ausnahmezustand.
Die U-Bahn war voll. Die Straßen waren voll. Die beliebten Spots am Wasser so überfüllt, dass man sich einer riesigen Menschenmasse anschloss und hoffte, irgendwie näher ans Wasser zu kommen. Hat nicht funktioniert. Wir standen schließlich an einer Position, bei der verschiedene Gebäude die freie Sicht versperrten. Die obere Hälfte des London Eyes war zu sehen. Wir haben das so akzeptiert.
Was London aber wirklich richtig macht: Es wird nicht privat geböllert. Die Straßen sind gesperrt, das Feuerwerk findet kontrolliert statt — und danach sind die Straßen sauber. Wer das mit Silvester in Hamburg, Berlin oder Frankfurt vergleicht, wo manche Viertel einem Kriegsgebiet ähneln — Sirenen, Krankenwagen, Feuerwehr im Dauereinsatz — versteht den Unterschied sofort. Das ist etwas, bei dem sich deutsche Städte eine Scheibe abschneiden können.
Mein Tipp für Silvester in London: Wer das Feuerwerk sehen will, muss früh vor Ort sein. Realistisch ab 15 Uhr. Die Spots rund um South Bank, Waterloo Bridge und Victoria Embankment füllen sich früh und kompromisslos.
Tag 3 — Fish & Chips bei Carnaby Fish Bar
Niemand fliegt nach London und isst kein Fish & Chips. Das ist keine Option.
Wir sind ins Carnaby und haben uns bei der Carnaby Fish Bar kurz beraten lassen: einmal Cod & Chips, einmal Haddock & Chips — der britische Klassiker in zwei Varianten, serviert im Metallkörbchen mit Papier, Zitronenspalte und Tartare Sauce.

Der Unterschied zwischen den beiden ist interessant: Cod (Kabeljau) ist milder, neutraler, die klassische Wahl für den ersten Versuch. Haddock (Schellfisch) ist aromatischer und kräftiger im Eigengeschmack. Beide waren ausgezeichnet — knusprig frittierter Teig, innen weich und saftig, dicke Chips. Mächtig. Sehr mächtig.
Kosten: £21 pro Portion, dazu zwei Coke Zero — rund £50. Für ein Gericht, das ursprünglich das Essen einfacher Leute war, ist das gehobener London-Preis. Dafür stimmt die Qualität, und es ist ein bewusster Stopp, den man einplant — kein Snack zwischendurch.
Den ersten Lieferdienst-Abend hatte ich da schon lange abgehakt.
Tag 4 — Frühstück über den Dächern und Camden
Duck & Waffle
Carina hatte vorab reserviert — bei Duck & Waffle ist das Pflicht. Das Restaurant befindet sich im 40. Stock des Heron Tower bei Bishopsgate. Man fährt nach oben, die Türen öffnen sich, und man versteht sofort, warum der Ort beliebt ist: große Fenster, Blick über London, Frühstück hoch über der Stadt.
Wir haben das Signature-Gericht bestellt: Duck & Waffle — £26 pro Person. Eine knusprige Gressingham Duck Leg Confit, ein Spiegelei und Mustard Maple Syrup auf einer Waffel. Dazu Ingwershots und Säfte.

Das Gericht ist nicht typisch britisch. Es ist süß-salzig, amerikanisch inspiriert, ungewohnt — und funktioniert überraschend gut. Die Kombination aus weicher Waffel, kräftiger Ente, flüssigem Eigelb und dem süß-würzigen Ahorn-Senf-Sirup macht Sinn, auch wenn man das vorher nicht gedacht hätte. Geschmacklich hätte ich noch eine zweite Portion essen können. Mein Magen hatte andere Pläne — das Gericht ist sehr mächtig.
Eines vorab: Wir hatten nicht den optimalen Tisch. Duck & Waffle lebt von seinen Fensterplätzen — wer direkt an der Scheibe sitzen und den Blick wirklich auskosten möchte, sollte das bei der Reservierung aktiv ansprechen. Trotzdem war das Erlebnis besonders genug, um den Ausflug zu rechtfertigen.
Kosten: £26 pro Person, plus 15 % discretionary service charge. Für ein Frühstück ist das gehoben — aber man bezahlt hier nicht nur das Essen, sondern die Location und den 40. Stock.
Reservierung: Bis zu zwei Monate im Voraus, teils mit Kreditkartenabsicherung.
Camden Stables Market
Danach: Camden Stables Market. Früher tatsächlich Pferdeställe, heute eines der buntesten und unkonventionellsten Marktareale in London — in Camden Town, nahe Chalk Farm Road und Camden Lock.

Camden ist das Gegenteil von Piccadilly oder Mayfair. Keine eleganten Fassaden, keine großen Marken — stattdessen Backsteinwände, kleine Gassen, Vintage-Shops, Streetwear, Schmuck, Street Food aus aller Welt, Neonlichter, Musik. Und das Gefühl, dass hinter jeder Ecke etwas anderes wartet. Camden Market ist ein Labyrinth — im besten Sinne.
Was man dort findet:
- Vintage-Mode, Lederjacken, alternative Styles, Schmuck, Accessoires
- Street Food: Dumplings, Bao Buns, Tacos, Falafel, Desserts — eine kleine Weltküche auf engem Raum
- Den bekannten Fotospot bei den bunten Regenschirmen in der überdachten Passage
- Am Regent's Canal einen ruhigeren Kontrapunkt zum Markttreiben
Camden ist touristisch, voll und nicht billig. Aber es ist einer der Orte in London, die sich wirklich anders anfühlen — jünger, wilder, kreativer. Für einen ersten Besuch ist ein halber Tag gut investiert.
Fazit
London ist eine Stadt, die man gesehen haben muss — nicht weil es Pflicht wäre, sondern weil das Wiedererkennen an Ort und Stelle etwas Besonderes ist. Man kennt alles schon, weil man es aus Filmen kennt. Und trotzdem: Big Ben vom Oberdeck, am Buckingham Palace stehen, durch Straßen laufen, in denen man jeden Moment Sherlock Holmes um die Ecke kommen sehen könnte — das ist nochmal etwas anderes als das Bild im Kopf.
London ist teuer. London ist unglaublich voll. Und London an Silvester hat eine eigene Dynamik, die man kennen sollte, bevor man spontane Planänderungen trifft.
Was bleibt: Carinas Überraschung, die sich jeden Tag etwas mehr entfaltet hat. Das Königswetter über fünf Tage. Der Afternoon Tea im Café Royal. Mamma Mia! The Party. Das Fish & Chips im Carnaby. Das Frühstück hoch über den Dächern der Stadt.
Würden wir nochmal fahren? Ja — aber mit mehr Zeit, einem frühen Spot für Silvester und einem Tisch direkt am Fenster bei Duck & Waffle.
